Ethno sind immer die anderen – Sonja Eismann

Den ganzen Beitrag finden Sie im Magazin GARDEROBE

Als „primitiv, tribal, spirituell, jedoch majestätisch“ kündigte Valentino seine SS2016-Kollektion per Twitter an. Für die Präsentation schickte das Haus zum Klang von Bongotrommeln mehrheitlich weiße Models mit Cornrow- oder Dreadlockfrisuren in Entwürfen über den Laufsteg, die als „afrikanisch“ gelesen werden sollten: Mit Federn, Perlen, Bast, Knochenketten. Die Grazer Designerin Lena Hoschek betitelte ihre von westafrikanischen Waxprints beeinflusste SS2015-Kollektion „Hot Mama Africa“ und stellte im begleitenden Text „Retro-Elemente und Ethno-Inspiration“ einander gegenüber: „European design meets African exuberance!“ Die deutsche Vogue-Ausgabe vom November 2015 zeigte in einer Modestrecke „Opulente Ethnolooks, inspiriert von peruanischer Folklore“.

Seit einigen Jahren tobt in der Modewelt ein Streit darüber, welche Formen von Aneignung vertretbar sind und welche nicht. Was ist respektlos gestohlen? Was respektvoll geliehen? Wo handelt es sich um „Cultural Appropriation“, wo um „Cultural Appreciation“? Klar ist, dass interkulturelle, globale Transfers sowie Klassen- und Szenenüberschreitungen seit jeher ein wesentlicher Bestandteil der Funktionsweise von Mode sind. Ob es sich um den seit den Kreuzzügen präsenten Orientalismus in Europa handelt, um die Imitation der von Friedrich Theodor Vischer so genannten „Hurenmode“ der demi monde durch bürgerliche Frauen Ende des 19. Jahrhunderts, um Paul Poirets „Balletts Russes“ aus dem Jahr 1910 oder um die Überführung von Punk Styles auf die Catwalks durch Designerinnen wie Vivienne Westwood oder Zandra Rhodes – ModeschöpferInnen bedienten sich, analog zu Inspirationen aus Feldern wie Kunst, Literatur oder später auch Film, immer schon in einer Form von Race, Class oder (Sub)Culture Drag bei Bevölkerungsgruppen, die als der High-Fashion-Welt fern angesehen wurden. Während bei der Aneignung von Subkulturstilen vornehmlich die Kooptation widerständiger Codes und deren Einspeisung in kapitalistische Warenkreisläufe als Problem gesehen wurden, ist die Ausgangslage bei den Debatten rund um Cultural Appropriation eine andere. Hier werde auf (post)koloniale Ausbeutungsmuster zurückgegriffen, in denen sich aus der hierarchisch überlegenen Position – ohne zu fragen – bei den Unterlegenen bedient werde, wobei die Versatzstücke aus ihrem oft mit spezifischer kultureller Bedeutung aufgeladenen Kontext gerissen würden. Außerdem werde mit der Begeisterung für das „Urtümliche“ auf rassistische Stereotype vom „Primitiven“ rekurriert, die als reduktionistisch und degradierend kritisiert werden.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s